Gefühle

Wenn ich am Morgen aufwache, fühle ich mich ausgeschlafen oder gerädert, wach oder müde. Wenn ich aufstehe, fühle ich das Leben durch mich fliessen oder auch nicht. Sehe ich die Sonne, wird mir warm ums Herz. Der Anblick eines geliebten Menschen oder ein bevorstehendes Ereignis, lassen mein Herz höher schlagen. Traurigkeit überkommt mich, wenn ich ein leidendes Tier sehe.

Unser ganzes Leben wird begleitet von Gefühlen. Von guten Gefühlen, von denen wir unbedingt mehr wollen aber auch von unangenehmen Gefühlen, die wir möglichst schnell wieder loswerden wollen. Das eine Gefühl ist ohne das andere nicht möglich. Wir hätten nicht die Möglichkeit, Glück und Ekstaste zu erfahren, fühlten wir nicht auch Trauer und Elend.

Gefühle kommen und gehen. Keines bleibt dauerhaft bestehen. Nicht das Gute und auch nicht das Schlechte. Das Leben bietet uns ein sich abwechselndes Sammelsurium von Gefühlen.

In all den Jahren, in denen ich mich mit Spiritualität beschäftige, ist mir aufgefallen, dass viele Menschen nur darauf aus sind, die Glücksgefühle zu horten und die anderen mit aller Kraft und zum Teil mit viel Aufwand von sich zu stossen. Ein Schein von „Friede Freude Eierkuchen Licht und Liebe“ schiebt sich vor eine Fassade, hinter der es bröckelt und bröselt. Eine Fassade, hinter der das wahre Leben tobt. Mit allen Höhen und Tiefen. Ist es nicht eine Illusion, zu glauben, das Leben soll nur Freude sein? Nur das Glück und die damit verbundenen Gefühle seien etwas Wert? Viele Menschen messen sich daran, wie erfolgreich sie den Glücksfaktor in ihrem Leben aufrecht erhalten können und scheitern kläglich. „Die Wut ist Böse, die darf ich auf keinen Fall zulassen, sie macht mich zu einem spirituell minderwertigen Menschen“ oder so ähnlich, könnte ein Gedanke sein.

Eine Szene aus meinem Abschnitt im „ich bin der glücklichste Mensch auf Erden“-Projekt – schlechte Gedanken sind absolut Tabu:

Mein Mann und ich spielen zusammen Tennis. Ein herrlicher Tag, die Sonne scheint, die Plätze draussen sind gut bespielbar, es ist nicht zu warm und nicht zu kalt. Nach dem Einspielen, geht’s bald richtig los, mein Mann legt an Tempo zu. Obwohl ich mir richtig viel Mühe gebe, will es mir nicht gelingen, den Ball ordentlich zurück zu spielen. Es kocht in mir. „Ruhig bleiben, Lisa, tief Atmen, die negative Energie fliesst in den Boden ab…. Einatmen, Ausatmen“. Nächster Ballwechsel. Dasselbe Szenario. Unkontrolliert tönt es über den Platz: „Verf**** Racket, so eine Sch****“. Mein Mann schaut mich mit grossen Augen an. Ich tat, als wäre nichts gewesen. Nächster Ballwechsel. Tief einatmen, im Moment sein, Gedanken leeren….. Ball am Rahmen getroffen. Das süffisante Lächeln auf dem Gesicht meines Mannes bringt das Fass zum Überlaufen. Ich schmeisse mein Racket in hohem Bogen, begleitet von hier nicht zu erwähnenden Fluchparolen, über den Platz.

Als ich mich wieder beruhigt hatte und meine Wut verflogen war, fühlte ich mich richtig schlecht. So benimmt sich doch kein spiritueller Mensch, dachte ich. All die Jahre hatte ich mich einigermassen im Griff. Meine Gedanken, meine Gefühle, sie waren wohltemperiert. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich anfing Tennis zu spielen.

Noch eine Weile später merkte ich, wie gut es tat, die Wut mal rauszulassen. Hemmungslos. Die Illusion des Glücksfaktors hatte mich wohl eingeholt. Ich war am Boden der unspirituellen Tatsachen angekommen. Und konnte endlich wieder frei atmen. Ich hatte das Gefühl, mir selber ein Stück näher gekommen zu sein, weil ich ehrlich war. Ich täuschte nichts vor, sondern liess zu. Ich verdrängte nicht, ich liess es raus. Es muss ja nicht immer zum Wutausbruch kommen. Der kommt nur, wenn man Gefühle über längere Zeit unterdrückt und sie verdrängt.

Doch wie geht man mit Gefühlen um? Als erstes tut es gut, zu erkennen, dass Gefühle nur ein Teil von uns selber sind. Wir sind nicht unseren Gefühle. Bereits bei diesem Gedanken können wir uns innerlich distanzieren und werden nicht gleich von einem Gefühl mitgerissen. Dadurch, dass wir uns distanzieren, verdrängen wir nicht. Denn der nächste Schritt nach dem Distanzieren ist das Anschauen und das Zulassen des Gefühls. Man kann ein Gefühl, wenn es einem bewusst wird, von Aussen anschauen. Man kann es auch fühlen, Gefühle bringen einem nicht um. Sie gehen vorbei. Mal schneller, mal langsamer.

Wenn man sich eines Gefühles bewusst wird und es zulässt, sollte man nicht von der Erwartung getrieben sein, dass es dann schneller vorbei geht. Sonst kann man gleich wieder zum Verdrängen über gehen, das ist einfacher. Nur Fühlen und beobachten, was damit geschieht. Auch wenn es nicht weg geht, man wird merken, dass es sich verändert, sobald es angeschaut wird. Meist zum Positiven. Die meisten für uns negativen Gefühle verschwinden, wenn man ihnen Beachtung schenkt. Sie sind, auch wenn sie negativ sind, ein Teil von uns.

Der Alltag lässt es meist nicht zu, dass wir uns gleich mit allen Gefühlen sofort beschäftigen, uns ihnen widmen und mit ihnen befassen. Der Abend bietet deshalb eine gute Gelegenheit, die Ereignisse des Tages Revue passieren zu lassen und die guten, wie die schlechten Gefühle nochmals anzuschauen.

Eine regelmässige Inspektion unseres Gefühlshaushalts führt dazu, dass man vor Gefühlen keine Angst zu haben und sie deshalb auch nicht zu verdrängen braucht.

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